Kunst=Kapital

Zitat aus einem Interview mit Joseph Beuys aus der Wirtschaftswoche vom 22. Oktober 1976, in dem er zu der Frage der „Zukunft der Kunst als Weltwirtschaftsproblem” Stellung nimmt. Er äußert sich wie folgt:
”Das ist mein erweiterter Kunstbegriff, und der ist tatsächlich wirtschaftlicher Natur. Denn Wirtschaft ist schöpferisch. Das primäre Gut, das Menschen produzieren können, sind Erkenntnisse, und nach diesen Erkenntnissen richten sich alle weiteren Produktionsprozesse.

Deshalb meine Formel: Kreativität = Volksvermögen.”

Ein Jahr später in einer Rede am 6. September 1977 in Kassel führt er den Gedanken weiter:
”... Wenn sich der erweiterte Kunstbegriff nicht mehr auf den reduzierten Kunstbetrieb der kapitalistischen Systeme, aber auf alle Menschen als Künstler bezieht, geht der (Kunst-) Begriff in der Arbeit auf. Jede Arbeitsintention ist ein Ansatz zu einem großen Kunstwerk. Der Unterschied so genannter kultureller und so genannter industrieller Arbeit entfällt. Jede Arbeit ist durch den Kunstbegriff gekennzeichnet. Der erweiterte Kunstbegriff ist gleichzeitig der Ökonomiebegriff. Oder: Der Ökonomiebegriff, die Arbeit, ist auch der Kunstbegriff, konkret: Das Kapital.”

Johannes Stüttgen:
„Der Wahrhaftigkeit halber sollte zumindest zugegeben werden, daß diese kapitalistische Ideologie auf eine Gleichsetzung von Mensch und System aus ist (…) und diese Gleichsetzung der Uridee der Kunst widerspricht (…) Die Wirtschaft in ihrer gegenwärtigen Form (Kapitalismus) kann nur an einer solchen Kunst interessiert sein, die sich von etwas ganz und gar außerhalb von ihr Liegenden, dem Eigennutz nämlich, ablenken läßt. Die Wirtschaft in ihrer heutigen Form ist immer auf eine Komplizenschaft mit einer solchen „Kunst“ aus. Sie ist an einer Verbiegung der Kunst interessiert. Das kann unter der Maxime des Systems gar nicht anders sein. Wer es leugnet ist nicht nur selber ein Ignorant, sondern ist sogar an der Festschreibung der Ignoranz interessiert.
Damit meine ich nicht von vorneherein und unbedingt die in dieser Wirtschaft arbeitenden Menschen. In denen mag, was ihre Sehnsucht nach Kunst anlangt, durchaus ja gerade auch die Sehnsucht nach einem ganz neuen Wirtschaftswesen wirksam sein – unbewußt, halbbewußt oder sogar bewußt. Aber diese Sehnsucht, die vermutlich (nein: definitiv) die tiefere Natur des Menschen ausmacht, bleibt solange eine bloße Privatangelegenheit, als sie sich nicht mit Entschiedenheit auf die Überwindung der herrschenden Grundstruktur wirft. Sollte sie hierfür die Kunst benötigen, um so besser. Nur dann muß auch klar sein, daß es sich für diese Zwecke nur um eine Kunst handeln kann, die sich ihrerseits auf ihren eigenen, ganz und gar bereinigten Begriff bezieht. Ohne diesen Begriff bleibt die Kunst jenseits der realen Verbindung mit dem wirtschaftlichen Felde bloße Dekoration, so qualitativ hoch stehend auch immer das jeweilige Kunstwerk wäre. Das besagt unter dem Strich nichts anderes als die Notwendigkeit eines klipp und klaren Bekenntnisses zum Willen, zu dem System innerlich und nach außen in Distanz zu treten – ja, alle Kräfte zu mobilisieren, um es abzuschaffen, damit endlich der Mensch und die Menschheit in Erscheinung trete.
Reden wir also nicht länger um den heißen Brei herum“!
(Johannes Stüttgen, Düsseldorf, 17. Juni 1999)